David Komary 2011

please scroll down for english version

David Komary 2011, Ausschnitt aus dem Katalogtext zur Ausstellung:  

Convergence in Probabilty, Nikolaus Gansterer, Brigitte Mahlknecht 
Galerie Stadtpark, Krems

Berge sind Teil der Wirklichkeit, aber sie sind vage. Sie haben keine scharfen Begrenzungen: Es ist vage, wo der Berg endet und die Ebene beginnt. Es ist also leicht zu sehen, dass Vagheit ein Zug der Wirklichkeit ist und nicht bloß ein Merkmal unseres Denkens und Sprechens. ( R. M. Sainsbury)

Das Medium der Zeichnung bildet in convergence in probability die Gemeinsamkeit der Arbeiten von Brigitte Mahlknecht und Nikolaus Gansterer. Beide zeichnerischen Praktiken zielen weder auf mimetische Abbildung noch auf ausdrucksästhetische Artikulation. Der zeichnerische Prozess ist vielmehr wesentlich selbstbezüglich und von einem Moment der Autopoiesis bestimmt. Zeichnen erscheint als autogeneratives System. Das einzelne Bild ist keine geschlossene Bildentität, sondern Ausschnitt und Fragment eines Bildkontinuums. Die zeichnerische Faktur wird sowohl bei Gansterer als auch bei Mahlknecht als Spur einer Temporalisierung lesbar. In ihrer Anwesenheit verweist die Spur per se auf ein Gewesenes, ein Abwesendes. Im Versuch, das Moment des Schwindens sichtbar zu machen, wird die Spur zur "Essenz des Flüchtigen"(1). Der zeichnerische Prozess, zwischen Gerichtetheit und Nichtgerichtetheit, gleicht einer Suchbewegung.

Die KünstlerInnen arbeiten mit non-linearen, paradoxen zeichnerischen Systemen: Mahlknechts Arbeiten evozieren ein kartografisches Sehen, Gansterer inszeniert eine wissenschaftlich anmutende Sammlung "natürlicher" Aufzeichnungen und Artefakte. Beide rekurrieren auf wissenschaftliche, "vorobjektivierende" Bildregien, dennoch erscheint die ikonische Korrespondenz zwischen Realität und Abbild stets vage und unbestimmt. Das jeweilige zeichnerische System bringt Formenkonstellation hervor, die an landschaftliche Referenzen (Mahlknecht) denken lassen oder natürliche  Erscheinungsformen oder Vorgänge (Gansterer) lesbar machen. Landschaft und Natürliches erscheinen in diesen Kartierungen und Aufzeichnungen jedoch a posteriori, im Interpretieren der zeichnerischen Spuren und Signaturen durch den Betrachter. Indem die KünstlerInnen das Verhältnis von Bild, kognitivem Apparat und medialer, genauer: wissenschaftlich codierter Bildregie thematisieren, verschiebt sich der Fokus von den "Gegenständen" der Betrachtung auf das Beobachtungsdispositiv selbst: Welche Blickkonventionen sind dem Sehen eingelagert, welche Prämissen und Selektionsparameter sind für die "Ordnung der Dinge" bestimmend?" In welcher Weise sind diese Bildrhetoriken konstitutiv für die Konstruktion von Wirklichkeit?

Brigitte Mahlknechts Zeichnungen zeigen kartenähnliche Formationen: In der großformatigen Serie O.T. (2011) werden landschaftsartige Räume von beinahe endloser Weite erkennbar. Die Zeichnungen entfalten Bildräume, die sich einer eindeutigen Bestimmung entziehen und den Betrachter auffordern, aus der Kontingenz der Linien Formen und Strukturen herauszulesen. Teilweise lässt sich gar Schriftähnliches erkennen, sodass die Zeichnung zwischen Darstellung und Zeichenhaftigkeit changiert, ohne sich festlegen zu lassen. Stets scheint der mögliche Anschluss das Hauptmotiv des zeichnerischen Ansinnens Mahlknechts. Die Künstlerin " erstellt" Kartografien imaginärer Bildräumlichkeit mit latenter Außenreferenz. Sie zeigt vage und unbestimmte Topografien, in denen die räumliche Tektonik außer Kraft gesetzt scheint. Unterschiedliche Raumlagen werden ineinander verwoben, Kategorien des Oben/Unten, aber auch Vorn/Hinten drohen ineinander umzuschlagen oder sich aufzulösen. Der Betrachter verliert in diesen expandierenden Bildräumen die Orientierung, er wird der eigenen "Lektüre" überlassen, ohne auf Vertrautes zurückgreifen zu können. Der Blick in O.T. (2011) alteriert zwischen orbitaler/kartografischer Aufsicht und erhöhter Bodensicht. Man sieht sowohl auf die imaginäre Landschaft als auch in sie hinein. Mahlknecht stellt dem Kartendispositiv, der Blickregie visueller Kontrolle, einen geradezu raumtranszendierenden Blick endloser Weite und Fernsicht gegenüber; sie ermöglicht den Blick auf "ein ikarisches Luftiges, das eine auf kosmische Weise von der Schwerkraft befreite Welt durchforscht"(2).

Den Ausgangspunkt der 6-teiligen, kleinformatigen Serie O.T. (2007-11) bilden Fragmente erinnerter Sichtbarkeit. Mahlknecht bezieht sich auf bei Nacht aus dem Flugzeug wahrgenommene Landschaften. Sie verwendet also "Vorlagen", die auf einer doppelten visuellen Unbestimmtheit basieren - auf dem Sehen im Dunkeln sowie der fragmentarischen Wiedergabe der Erinnerung. Die Künstlerin bewegt sich zeichnend zwischen Erinnertem und Imaginärem, ohne diese Agenden streng gegeneinander abzugrenzen oder ineinander aufzulösen. Diese bestimmte Unbestimmtheit hält vielmehr die Notationsbewegung in Gang. Der zeichnerische Prozess wird zur analogen Spur des "ästhetischen Denkens", er figuriert sich als Suchbewegung, die nicht auf Resultate zielt, sondern auf die Kontinuierung des ästhetischen Prozesses. Die Zeichnung zeigt sich als Medium der Temporalisierung, als Verweis ihres Seins im Werden.

Mahlknechts Zeichnungen erscheinen als Auszüge eines Bildraumkontinuums, das sich in den einzelnen Bildern nur ansatzweise konkretisiert. Sie bilden temporale Synthesen, in denen Herkunft und Zukunft der Linie miteinander verschränkt werden.(3) Mahlknechts Bilder spiegeln einen Prozess der Bezeichnung wider, der sein Bezeichnetes stets "verfehlt", wodurch das eigentliche Signifikat der Zeichnung sich in einen Raum der Unbestimmtheit verschiebt...

(1) Gottfried Boehm: Spur und Gespür -  Zur Archäologie der Zeichnung, in: ders., Wie Bilder Sinn erzeugen - Die Macht des Zeigens, Berlin University Press: 2007, S. 152.
(2) Christine Buci-Glucksmann: Der kartographische Blick in der Kunst, Berlin: Merve 1997, S. 194.
(3) Vgl. Gottfried Boehm: Spur und Gespür -  Zur Archäologie der Zeichnung, S. 156.

 

David Komary, 2011, extract from a catalogue text for the exhibition:

Convergence in Probability, Nikolaus Gansterer, Brigitte Mahlknecht, Galerie Stadtpark, Krems

Brigitte Mahlknecht’s drawings depict formations resembling maps. In the large drawing ›Ohne Titel‹, 2011 (pages 20, 21) one can make out vistas with the quality of near-endless landscapes. The drawings reveal pictorial spaces that evade any unambiguous interpretation, challenging the beholder to discern forms and structures within the contingency of the lines. At times it is even possible to perceive something resembling writing, so that the drawing oscillates between pictorial representation and calligraphy without ever settling on one or the other. The possibility of interconnection always seems to be the Mahlknecht’s chief graphic intention. The artist ›creates‹ maps of imaginary pictorial spaces which contain a latent reference to the external world. She portrays vague and indeterminate topographies in which spatial tectonics appears not to apply. Differing spatial locations are interlaced, the categories of above/ below and in front of/behind threaten to turn into their opposite or to dissolve completely. Viewers lose their orientation in these expanding pictorial spaces and are forced to rely on their own ›reading‹ without being able to fall back on familiar experience. The gaze alternates between an orbital, cartographic perspective and an increased ground visibility, looking both down at and into the imaginary landscape. In opposition to the cartographic mechanism - the exertion of visual control via directing the gaze – Mahlknecht offers a view of endless distances, which comes close to transcending space altogether. She enables ›an airy, Icarian view that examines a world cosmically freed of the power of gravity‹(1). Fragments of remembered visibility constitute the starting point for the six-part small-format series ›Flugskizzen‹ (pages 16 to 18). Here Mahlknecht makes reference to landscapes glimpsed by night from an aeroplane, meaning she uses ›originals‹ which are based on a double visual uncertainty – vision in the dark and the fragmentary reproduction of memory. The artist’s drawings move between the remembered and the imaginary without strictly delimiting the boundary between these categories or allowing them to merge. Rather, this determined indeterminacy keeps the mode of representation in constant movement. The process of drawing thereby becomes the analogue path of ›aesthetic thinking‹, it manifests itself as a process of seeking which is not orientated towards results but rather the continuation of the aesthetic process. The drawing is revealed as a medium of temporalisation, as a reference to its own state of being in the process of becoming. Mahlknecht’s drawings appear as excerpts from a continuum of pictorial space which is only partially made concrete in individual pictures. These form temporal syntheses in which the origin and future of the lines are mutually entangled.(2) Mahlknecht’s drawings reflect a process of depiction which constantly ›fails‹ to capture the thing depicted, thereby displacing the drawing’s actual significate into indeterminate space.‹

(1) Christine Buci-Glucksmann: Der kartographische Blick in der Kunst, Berlin Merve 1997, page 194
(2) Vgl. Gottfried Boehm: Spur und Gespür - Zur Archäologie der Zeichnung, page 156